HEAVEN #846 Der Sucher und der Gesuchte
DER SUCHER UND DER GESUCHTE
Dein ganzes Leben über hast du an etwas festgehalten, und dennoch, und dennoch hast du auf die Ankunft von etwas mehr gewartet. Dein ganzes Leben lang hast du dich danach gesehnt, Mich zu erfassen, und warst dir nicht ganz sicher, wohin es sich auszustrecken gilt. In der Sicherheit Meiner Arme hast du versucht, Mich zu erfassen. Wie ein nicht sehender Mensch, der nicht weiß, dass er in seinem eigenen Zuhause direkt vor seinem Lieblingsstuhl hin und her wandert, tastest du herum. Du bist der blinde Mann, der etwa denkt, er befinde sich in einem Wald oder am Rande eines Abgrundes, unterdessen er genau dort steht, wo er sich sehnt zu sein, und unterdessen er sich schlicht dort wo er ist, hinzusetzen hat. Er nimmt den Raum, in dem er sich befindet, nicht wahr. Er belegt das Unbekannte für sich selbst.
Das ist eure Menschliche Zwangslage. Ihr streckt euch danach aus, was bereits euer ist. Geblendet, fasst ihr an die Oberfläche von allem, auf der Suche nach etwas Unwiderstehlichem, was tatsächlich direkt innerhalb eures Zugriffs existiert, aber ihr schaut weiter nach draußen, weil ihr nicht erkennt, was bereits in eurem Besitz ist, und weil ihr nicht erkennt, dass dasjenige, was ihr sucht, euch nie entrissen sein kann. Dementsprechend besitzt ihr, was ihr nicht wisst, dass ihr es besitzt, und was tatsächlich nicht besessen werden kann, mit dem man aber schier vertraut sein und das man untereinander gemein haben kann. Ihr seid bereits in Meinem Herzen gegründet. Was mehr könntet ihr wohl wollen?
Wir könnten sagen, Ich besitze dich, und du besitzt Mich, aber „besitzen“ ist ein zu Wenig umschließendes Wort für das Einssein von Uns. Besitzt ihr das Wasser, das ihr trinkt? Besitzt ihr die Sonne, die für alle scheint? Ihr habt sie, und sie verleiht euch Leben, doch weder ihr noch die Sonne wird besessen, und infolgedessen können weder ihr noch die Sonne enteignet werden. Ob ihr es nun wisst oder nicht, Wir sind unentwirrbar, keiner vom anderen ablösbar, deswegen sind Wir Eins. Wir sind keine zwei. Du bist Mein, und Ich bin dein, und das ist die Geschichte des Lebens.
Dein Arm gehört zu dir. Er ist ein Teil von dir. Wann indes erhebst du Anspruch auf eine Eigentümerschaft an ihm? Du siehst dich nirgendwo nach deinem Arm um. Du rufst nicht aus: „Ich habe meinen Arm entdeckt. Schaut, hier genau ist er!“ Es ist ganz natürlich, dass dein Arm dort ist, wo er ist, und dass er seine allseits rührende Bewegung innehat zum Zwecke, die Welt näher an dich heran zu bringen und mehr von dir der Welt auszureichen. Mittels deiner Hände wird dein Herz zur Kenntnis gebracht und bekannt. Wo allerdings kommt die Eigentümerschaft an der Stelle herein? Es ist Gewahrsein, von der Wir reden.
Du kannst nicht etwas in einem höheren Ausmaß haben, als du es bereits gehabt hast. Dir mangelt nichts, mit Ausnahme des Gewahrseins. Deswegen hast du dich bislang selbst noch nicht zur Kenntnis genommen. Du schaust dich nach Selbst-Verwirklichung um, worauf freilich hast du deine Aufmerksamkeit vergeudet?
Dein Blick ist abgewandert. Er ist überallhin gewandert. Es ist, als ob deine Augen trüb werden, oder als ob sie einen Diamanten eines anderen Menschen suchen, nicht gewahr des Diamanten, der tief inwendig in deinem eigenen Selbst untergebracht ist. Du meinst sogar, ein Anderer würde hineinlangen und deinen Diamanten für dich ausfindig machen. Du aber bist der einzige, der das kann - genau, weil du der einzige bist. Wer sonst ist da? Wir, du und Ich, und die Mannigfaltigkeit sind eine Union des Einen.
Du wartest nicht auf jemanden, der Mich für dich ausfindig macht, weil es, im letzten Grunde, niemanden sonst gibt. Wir existieren, du und Ich, und das ist die Geschichte. Wir haben immerzu in einer solchen Nähe existiert, und dennoch greifen Wir nicht ineinander ein und über. Wir fahren so gelinde daher, dass Unsere Tandem-heit des Öfteren nicht bemerkt wird.
Ich lasse dich gehen. Das ist der freie Wille, den Ich dir gegeben habe. Ich halte dich nicht an demjenigen fest, was unentwirrbar Mein ist, und du bist Mein. Und nunmehr gelangst du zur Erkenntnis, dass Ich dein bin, und dass nichts anderes das ist. Es gibt nichts anderes. Wir sind das Subjekt Unserer Erzählung, und Wir sind der Handlungsablauf. Du gehst davon ab. Das hast du immerfort getan. Du schweifst ab, jedoch kannst du das nunmehr nicht mehr sehr gut, unterdessen du weißt, Ich bin direkt hier bei dir.

