Eine einzige Blume
Wenn du an deinen eigenen Tod denkst, ist das für dich etwas Trauriges. Selbst wenn du den Tod begrüßen würdest, verursacht dir der Gedanke daran, dass du nicht mehr aus deinem Fenster schaust, um ein weiteres Mal das Sonnenlicht durch die Bäume funkeln zu sehen, einen trefflichen Schmerz. Du denkst: „Ich werde nicht mehr hier sein. Das hier wird noch da sein, aber ohne mich.“ Das bringt dich zum Weinen.
Der kleinste Zipfel des Lebens wird dir kostbar. Du fragst dich, wie die Welt ohne dich in ihr weitergehen kann. Du fragst dich deutlich, wie du ohne die Welt und deine Befasstheit in ihr weitermachen kannst.
Selbst wen du danach trachtest, aus dem Feld des Menschlichen Lebens abzutreten, möchtest du es nicht los lassen. Du möchtest welche Karten du auch auf der Hand hast, nicht los lassen.
Die Sonne fällt auf eine Blume, und die Vermengtheit der Sonne auf der Blume ist eine köstliche Zeichnung. Eine großartige Kunst. Kein Museum hat das. Es ist das Original. Selbst obschon sich die Sonne in einem Augenblick bewegen und die Szene sich verflüchtigen wird, fragst du dich, wie du ohne das leben kannst. Du trauerst vor der Zeit, und die rote Rose in einem Topf draußen hinterm Fenster bleibt unbekümmert eine Rose, als ob ihr das überhaupt nichts ausmachte.
Dem Schmerz auf der Erde entkommen schien dir derart erstrebenswert, und jetzt weinst du bei dem Gedanken an deinen eigenen Tod. Du weinst bei dem Gedanken deiner eigenen Abwesenheit vom weltlichen Leben. Das Erdenleben mag ja nicht alles gewesen sein, wie du es wolltest, jedoch hatte es etwas, was du wolltest.
Du wirst wohl das Empfinden haben, dass du in der Welt mit dem Leben nie zurande kamst. Du hast es nie in den Griff bekommen. Du hast es versucht. Wie du es versuchtest, aber in Wahrheit wolltest du im Grunde über es hinweg kommen und mit ihm durch sein. Du wolltest von ihm fort kommen. Jetzt, jetzt in diesem Augenblick, wann die Sonne durch die Blätter lugt, bist du dir nicht einmal sicher, worum dein Trachten nach dem Himmel überhaupt ging. Zu anderen Zeiten war der Gedanke ans Verlassen der Erde und im Himmel zu sein, deine Rettung. Der Gedanke an den Himmel machte das Leben auf der Erde tragbar, und jetzt, jetzt plötzlich in diesem Augenblick, wann die Sonne zwischen den Blättern glitzert, scheint das Erdenleben derart erstrebenswert.
Du hast früher gehört, das Leben auf der Erde zu leben, als wäre es dein erster Tag, und du hast davon gehört, es so zu leben, als wäre es dein letzter Tag. Jeder Tag ist kurzlebig. Lebt ihn einfach, Geliebte. Ihr erkennt, dass alles köstlich ist, und dass es euch durch die Finger rinnt.
Selbst die Ärgerlichkeiten sind kostbar. Was wäre, falls du niemals wieder hören würdest, wie das Wasser in den Abguss läuft? Was wäre, falls du niemals mehr deine Hände in heißes seifiges Abwaschwasser tauchtest? Was wäre, falls du niemals ein Geräusch gehört, niemals eine rauhe Oberfläche gespürt, niemals etwas probiert hättest, was du nicht magst, niemals etwas im Ofen verbrannt, niemals den Verkehr tapfer ertragen, dein Auto nie hättest reparieren müssen, falls du niemals beim Warten auf jemanden herumgehangen, niemals deinen Zeh an etwas gestoßen, bei niemandes Tod hättest weinen müssen.
Plötzlich, so, wie das sich bewegende Sonnenlicht in seinem Gelbsein auf eine rote Blume und auf die grünen Blätter der Blume fällt – das bricht dir das Herz. Das Sonnenlicht hat sich nun weiterbewegt und auf einer anderen Blume, einem anderen Baum und einem anderen Menschen niedergelassen. Die Sonne ist leidenschaftslos. Ihr bedeutet es kein Vergehen, dass sie sich vorwärts bewegt, noch auch macht es ihr etwas aus, dass sie deinen Blick und die Blume, die du für diesen Bruchteil einer Sekunde der Ewigkeit mit ganzem Herzen liebtest, zurücklässt. Sie bedauert das Weggehen insgesamt nicht. Die Sonne weiß, sie ist immer.
Wann die Zeit da ist, wirst auch du weitergehen wie das Licht der Sonne, die auf deinem Weg scheint und ihn webt, in der Kenntnis, dass du immerfort bist, und ohne dir etwas daraus zu machen, dass du eine Blume für eine weitere zurücklässt.
Translated by: theophilPermanent link to this Heavenletter: https://heavenletters.org/eine-einzige-blume.html - Thank you for including this when publishing this Heavenletter elsewhere.
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