Please read the Guidelines that have been chosen to keep this forum soaring high!

HEAVEN #1834 Die Versöhnung

DIE VERSÖHNUNG

Wie weit auseinander scheinen das Leben, wie du es gerne sehen möchtest, und das Leben, wie du es siehst, zu sein. Und diese Weite ist die Entfernung, die du jeden Tag im Leben durchreist, so als gingest du zur Arbeit, so als würdest du die Einzelheiten des Lebens gegen die Ausweitung des Lebens hin und her tauschen. Du reist täglich hin und her, sozusagen das Universum mit Schritten ausmessend. Du hopst von der Eintönigkeit zur Extase, vom Gewöhnlichen zum Außergewöhnlichen, vom Fasslichen zum Unfasslichen. Du schwingst vom Endlichen zum Unendlichen, wie du beim Gehen eine Handtasche hin und her schwenkst.

Manchmal fühlst du dich auf der Erde festgenagelt. Manchmal fühlst du dich von den Details und abgebrochenen Handgriffen zugedeckt. Und doch, selbst dann scheint die Sonne hindurch, wirbeln die Planeten hin und her, und du erheischst zwischen den Wolken einen kurzen flüchtigen Blick auf den Himmel. In solchen Momenten erkennst du, und sei es auch nur für einen Bruchteil einer Sekunde, dass es das alles wert ist. Für diesen einen Blick ist es das alles wert. Du würdest diesen Blick gegen nichts eintauschen, nicht für alles Gold Chinas.

Es ist schwer zu erkennen, was mit dieser Dichotomie zwischen dem gewöhnlichen Leben und der Weite anzustellen ist. Dann und wann wunderst du dich, dass du vielleicht auf beiden Seiten des Mondes wohnst, denn du setzt dich vom Licht ins Dunkel um und wieder zurück, und das ohne Pause dazwischen. Oder vielleicht wunderst du dich, dass du vielleicht der Mond selbst bist, in zwei Hälften zerschnitten, ja sogar aufgesplittet, und dann ab und an wieder zusammen gesetzt. Oder vielleicht hast du das Empfinden, du seist der junge Mond, der zum Vollmond heranwächst, wann du dann volles Licht sein sollest, und dennoch, selbst wenn du voll bist, bereits wieder einsam und verlassen auf dem Weg, in einen weiteren Zyklus hinein zu gleiten.

Der Geist kann mit dieser Divergenz nicht mithalten. Es ist jenseits des Geistes, wie du im einen Augenblick derart warm sein und im nächsten derart kalt sein kannst, wie du im Augenblick mit der unausdrückbaren Glückseligkeit Gottes erfüllt sein, und im nächsten Augenblick mit zerbrochenen Flöten oder Fettflecken auf deinen Kleidern überschwemmt sein kannst. Du fühlst dich andauernd beim Frieden dreingeredet. Selbst in der Einsamkeit wird dir ins Wort gefallen. Deine Gedanken drängen sich zwischen. Du fällst dir selbst ins Wort.

Du möchtest gerne den Berggipfel erreichen und dort immer bleiben. Wieso musst du abgelenkt werden, fragst du immer und immer wieder. Du befindest dich auf dem Gipfel, und wieso kannst du nicht immer dort bleiben, ein für alle Mal? Indes gehst du zäh auf einem Bergweg, und du erkennst, du befindest dich auf einem anderen. Du steigst nach oben, und dann kommst du dahinter, dass du in ein Tal hinein fällst. Das Tal aber hat auch Blumen zum Pflücken und um sie dir in den Schoß zu legen. Das Tal, trotz seiner Widrigkeiten, hat seine eigene Freude. Und so pflückst du die Blumen, und du stellst dich selbst auf und hin und fängst den Aufstieg von neuem an.

Du prägst dir den Aufstieg ein. Du erreichst den Gipfel früher als davor. Du bleibst länger. Und sobald du den Berg hinunter gehst, trägst du größeres Andenken an die Lieblichkeit mit dir. Du bist derjenige, der ein Edelweiß gepflückt hat. Es befindet sich immer noch in deiner Hand. Es ist für immer in deinem Herzen festgemacht. Einen Augenblick lang bist du auf dem Berg Olymp gestanden.

Der Tag wird kommen, wann es kein Tal mehr geben wird. Es wird nur noch Berggipfel geben. Du wirst über die Wolken hinaus hochgestiegen sein, um nicht mehr länger in Täler zurückzukehren, um nicht mehr in ein Tal zurückzukehren. Der Morgen wird kommen, der dich zu dir aufweckt, und du bist nicht einmal mehr auf der Bergspitze. Du bist über den Bergen. Du wirst aus dem Raum und der Zeit heraus geschritten sein. Du wirst dort eingetreten sein, wo es weder ein Oben noch ein Unten gibt. Du wirst dir in einem Gefilde begegnet sein, was du zuvor nur in einem Lichtblitz flüchtig erblickt hast, und jetzt, das entdeckst du, bist du das Licht, was flüchtig zu sehen zu bekommen ist, und du bist unwiderstehlich.

Die dunkle Seite des Mondes existiert nicht mehr. Es gibt überhaupt keine Seite mehr. Alles ist Einssein, wo es keine Seiten, keine Winkel, keine Versperrungen, keine Aussetzer mehr gibt. Du bist die Weiße des Mondes in den Himmeln des Himmels. Es ist nicht von Belang, wo deine Füße streifen, denn was sorgst du dich, während du in einem Palast namens Himmel geschmückt wirst? Was machst du dir Sorgen, wie lange es für dich brauchte, hierher zu kommen, unterdessen du hierher gelangt bist? Worum kümmerst du dich denn überhaupt, solange diese helle Sonne auf dein Gesicht scheint?