HEAVEN #3238 Herzschmerz
HERZSCHMERZ
Herzeleid ist wie Schmerzen des Körpers. Sie kommen und gehen. Manchmal verbindest du die Wunde, oder du nimmst etwas zum Einreiben, oder deine Mutter gibt dir einen Aua-Kuss. Oder du wachst am nächsten Morgen auf, die Wunde ist immer noch da, und doch bist du nicht verwundet. Du befindest dich nicht in jenem Zustand der Verwundetheit. Du bist darüber hinweg. Kummer ist nicht mehr länger das Allergrößte. Die Tiefe des Herzeleids hat sich selbst verausgabt, oder du hast es verausgabt, oder du bist ohne den Kieselstein in deinen Schuhen gelaufen. Welche Schrammen auch immer, sie sind einfach da. Du kannst an sie stoßen, und doch schmerzen sie dich nicht mehr.
Narben sind wie Andenken, und Andenken sind wie Narben. Oder, Erinnerungen an Narben sind wie Wissenschaftler, die in einem Teströhrchen etwas noch einmal machen möchten, und die doch die gleiche Zusammensetzung, die aufkocht und hochsprudelt, nicht ein weiteres Mal hinbekommen.
Es kommt eine Zeit, wann du schlafende Hunde liegen lässt, und über sie steigst oder auf Fußspitzen um sie herumgehst.
Für dich ist es möglich, zu einem Zustand zu gelangen, wo dein Körper derart federnd spannkräftig ist, dass sich keine Schrammen bilden. Falls ein Messer in deinen Körper eindringt, wird es im Nu herausgezogen, und der Messerstich heilt sich unmittelbar selbst, oder deine Unverwundbarkeit heilt den Messerstich, noch bevor er eintritt. Auf jeden Fall erreicht der Stich nicht die lebenswichtigen Organe. Es ist nicht genau so, dass du dich gänzlich unangetastet fühlst. Du spürst es, und doch bist du unverwundbar. Das Wasser läuft über deinen Rücken ab.
Nicht anders bei den Wunden des Herzens. Es sind Wunden des Herzens, über die Wir im Eigentlichen reden. Dein Herz ist offen und warm und rückfedernd spannkräftig, und Wunden können nicht mehr länger tief hineingehen. Oder, falls sie das tun, ist deren Heilung augenblicklich. Eine Blessur tunkt ein, und sie kommt wie eine Feder in einem Tintenfass wieder heraus.
Das ist keine Philosophie, von der Ich rede. Das ist keine Theorie. Das ist etwas Tatsächliches.
Du wirst zugeben, dass der Schmerz bei einer Sache, die dir einmal sehr weh getan hat, selbst dann, falls sie sich immer wieder zutrug, nicht mehr länger von so herausragender Bedeutung ist. Das unfreundliche Wort streicht dich nicht mehr länger zusammen. Du ziehst jetzt mehr deine Schultern hoch, als dass du zusammenzuckst oder weinst.
Du schlenderst im Leben entlang, und was am Bordstein liegt, ist einfach da, und du gehst an ihm vorbei. Es war einmal - als damals deine Haare nicht richtig in Locken lagen, warst du völlig daneben. Es war einmal, als dich damals jemand brüskierte oder nicht mehr länger seine Liebe für dich unter Beweis stellte, hättest du dir unter Schmerz ans Herz gefasst. Umgekehrt, es war einmal, falls du damals derjenige gewesen wärest, der das Herz eines Anderen zerdrückte, du hättest dich vollgesaugt mit Gewissensbissen.
Nun weißt du, dass alle Vorübergehenden auf dem Pfad des Weltlebens nur für eine vordergründig bestechende Strecke namens Zeit da sind. Nun weißt du, dass alles Momentane im Leben momentan ist, und du trägst dessen Joch nicht.
Nun weißt du ebenso, dass das Leben kein Wirbelwind ist, den du überstehst. Du weißt, hier liegt eine Stetigkeit und Konstanz des Lebens vor, die niemals zuende gehen. Du weißt, du bist mehr als sterblich. Du weißt, dein Körper und die Vorkommnisse im Leben sind nichts mehr als dein Körper und die Vorkommnisse im Leben.
Nun erkennst du die Wundersamkeit des Lebens. Anstatt in Aufregung neben dir zu sein, weißt du, du bist neben dir in Unsterblichkeit. Du weißt, dass das Einzige, was endet, der Körper und ein jeder seiner ihn begleitenden Schmerzen ist, nicht endende oder auch endende Schmerzen, die neben dir her zu joggen schienen und nun wie eine fremde Macht an dir vorbeiziehen. Falls die fremde Macht weiterhin versucht, Übergriffe auf dich vorzunehmen, gehst du einfach an ihr vorüber.
Was war all das Aufheben im Leben, fragst du dich. Wovon handelte all das Getue?

