DIE HIMMELSKÜSTEN
Erinnerst du dich an Gemälde, in denen viel Nebel abgebildet ist? Vielleicht eine Meereslandschaft mit einem Menschen in einem Ruderboot? Die Küste ist durch Nebel verdeckt und kaum wahrzunehmen. Sie ist da, aber kaum zu sehen. Du kannst sie nicht wirklich sehen, und dennoch siehst du eine Andeutung von ihr. Sie ist da, und du hättest näher an die Küste heran zu rudern, um sie durch den Nebel zu sehen.
Ebenso siehst du womöglich den Himmel. Du möchtest ihm gerne näherkommen. Du möchtest gerne, du könntest ihn anfassen. Du möchtest gerne, dass du ihn durch den Nebel hindurch erspähst.
Und gleichwohl, Geliebte, wenn es den Ozean gibt, muss es eine Küste geben. Du musst die Küste nicht Meilen, bevor du dort ankommst, sehen. Du musst eigentlich nicht zur Küste rudern, um dorthin zu gelangen. Die Gezeiten werden dich dort hinziehen. Die Winde werden blasen. Du befindest dich bereits auf dem Weg. Geliebte, sonstwohin zu gehen gibt es eigentlich nicht.
Die Küsten des Himmels befinden sich auf euren Fingerspitzen. Womöglich seid ihr bereits angelandet, und der Nebel blockiert immer noch eure Sicht. Der Nebel liegt in euren Augen.
Ihr erstrebt, zum Himmel zu gelangen. Ich erstrebe, dass ihr zum Himmel gelangt. Ich habe es alles so ausgelegt, dass ihr ankommt. Ihr befindet euch auf eurem Weg. Ihr könnt es nicht verfehlen.
Manchmal scheint euch euer Ausflug auf dem Wasser so langsam. Ihr paddelt, Geliebte. Und, sofern es nach einer Windstille aussieht, dann dribbelt eure Finger im Wasser und genießt es, auf die Küste zu zu treiben.
Manchmal empfindet ihr womöglich, ihr befändet euch auf Stromschnellen und eure Reise sei rasant, sie sei für euch zu rasant, denn ihr fühlt euch aus dem Gleichgewicht.
Hier die Sache: Ihr könnt weder früh noch spät dran sein. Ihr könnt schier rechtzeitig sein.
Also, werdet ihr jetzt aufhören, Trara zu machen? Ich habe es so eingebaut, dass ihr den Himmel erreicht. Ich habe es eingebaut, dass ihr bis zum Zentrum des Himmels vorstoßt. Ich spreche hier bildlich, um auf ein Sehnen in eurem Herzen einzugehen, aber der Himmel ist der Himmel. Es gibt in Wirklichkeit keine Außenbezirke, und kein Zentrum, außer Wir bezeichnen das Gesamt des Himmels als das Zentrum von ihm. Es gibt keine endliche Grenze für den Himmel, der es in Ordnung sein ließe, von einem Zentrum des Himmels zu sprechen.
Ich möchte euch etwas anderes sagen. Der Unterschied zwischen der Erde und dem Himmel ist euer Gewahrsein. Euer Gewahrsein ist nichts Unbedeutendes. Euer Gewahrsein ist vorrangig. Es ist zuvorderst. Euer Gewahrsein ist so etwas wie die 3-D-Brillen, die ihr früher in einem Kino überreicht bekommen habt. In dem Filmtheater wart ihr, wer ihr wart. Auf der Leinwand gab es einen Film. Keine zwei oder drei Filme auf der Leinwand. Der Film war der gleiche. Und dennoch, sobald ihr die 3-D-Brille aufsetztet, schien der Film ein anderer zu sein, ein spezieller Film. Ein spezieller Film geriet in euren Fokus. Weil ihr sehen konntet, wandelte sich der Film direkt vor euren Augen.
Ohne die Brille war der Film flach. Sah man ihn durch die Brille, kam der Film zu Leben. Mit der Brille saht ihr Dimensionen, die ihr ohne sie nicht saht.
Dieser Vergleich fällt indes auf die Nase, insofern, als ihr nicht einfach euer Gewahrsein öffnen könnt, wie ihr das mit einer Brille tun könnt. Ihr könnt nicht mit euren Fingern schnippen, und es kommt dazu, dass ein größeres Gewahrsein in Erscheinung tritt. Es scheint keinen dienstbaren Geist des Gewahrseins zu geben, der das alles für euch verrichtet. Oder etwa doch?
Ihr könnt Gewahrsein zu euch her rufen. Ihr könnt wissen, dass ihr es haben werdet. Und sobald ein größeres Gewahrsein bei euch anlangt, geschieht das nicht aufgrund eures Bemühens. Es ist so, als ob euch ein dienstbarer Geist des Gewahrseins sich selbst darlegt, und nun könnt ihr das erblicken, was ihr zuvor nicht sehen konntet. Was sich änderte, war euer Gewahrsein. Gewahrsein wandelt sich. Es wächst.