NEUE GRÜNE WEIDEN
Gott redete …
Jeden Tag badest du dich im Leben. Das Leben ist ein zauberischer Trank, der dich von der Vergangenheit läutert. Allem, was sich im Leben begibt, gilt es, dich zu überspülen, oder vielmehr, du überspülst es. Winke der Vergangenheit Adieu. Halte nicht an ihr fest. In erster Linie möchte sie ungerne festgehalten werden. Du lügst dir in die eigene Tasche, man könne sie bei sich halten.
Wie lieb dir die Vergangenheit ist, und doch hast du durch sie hindurch zu strömen. Das Heute hat das Verflossene abzulösen. Liebe die Vergangenheit und lasse sie gehen. Anderenfalls trauerst du um sie. Du trauerst deiner Jugend nach. Du trauerst um all das, was nicht wiedererlangt werden kann. Euch alle eure Erinnerungen wieder ins Gedächtnis rufen, und, all euer sehnsüchtiges Verlangen nach ihnen, beläuft sich auf Tagträume, Geliebte. Gewisslich, alles Leben in der Welt ist, wie ihr wisst, ein Traum. Die Vergangenheit wiederbeleben ist ein Traum inmitten eines Traums. Ihr gebt die Liebe nicht preis, während ihr die Vergangenheit los lasst. Los lassen bedeutet nicht, die Vergangenheit gerät euch in Vergessenheit. Ihr löst ihren Halt an euch. In der Vergangenheit leben ist nicht leben. Es ist sich wieder ins Bewusstsein rufen. Es ist eine Art Gerümpel, so ihr sie bei euch behaltet.
Die Vergangenheit war niemals euer, Geliebte. Ihr eignet sie nicht, und ihr eignetet sie dereinst nicht. Ihr wart der Vergangenheit ein Passant. Die Vergangenheit ist nicht mehr denn das Spielenlassen deiner Finger in einem Strom, unterdessen du in einem Kanu dahinfährst.
Das Verflossene war wundervoll, und es war nicht wundervoll. Es ist dir teuer, sehr teuer, im Positiven wie im Negativen. Dessen unbenommen, an euch ist es, eure Anhaftung an es los zu lassen. Ihr paddelt jetzt das Kanu eures Lebens. Die Sonne geht jeden Tag auf, allemal ist sie nicht die gleiche alte Sonne, und nicht minder, Geliebte, brecht ihr jeden Tag neu an.
Macht euch nichts daraus, wer ihr einst wart oder einst scheinbar wart. Es gibt zahlreiche unterschiedliche Versionen von Leben, und ihr lebt im Moment eine unterschiedene Version aus. Lest bei Tageslicht. Die Sonne ist über eurer Schulter. Die Sonne und du sind das Licht von heute.
Gehe zum Heute voran. Du kannst nicht dauernd hinter deine Schulter schauen. Was hinter dir ist, ist hinter dir. Was jetzt vor dir ist, ist vor dir. Ja, du lernst vom Leben. Du wächst vom Leben.
In einem gewissen Sinne ist dein ganzes Leben gedacht, und wiewohl, beglücke die wiederholt auftretenden Gedanken an das Vergangene mit einem Adieu. Die Vergangenheit ist Teil und ein Stück von dir. Sie wuchs heute in dich hinein. Wir können sagen, sie ist in dir eingebettet, und gleichwohl lässt du sie hinter dir. Sie kann im Moment schier ein Gedenken sein. Entsinne dich, dass du jetzt am Leben bist, und dass heute ein anderer Tag ist. Koste den Tag, und gib dem Verflossenen Abschiedsküsse. Die Vergangenheit ist nicht angelegt, zum heutigen Tag dein Begleiter zu sein.
Vielleicht weil die Vergangenheit vorüber ist, fürchtest du sie nicht. Vielleicht weil sich der heutige Tag noch nicht entfaltet hat, fürchtest du ihn. An jedem Tag bist du im Wachsen begriffen. Vielleicht hast du vor Wachstum Angst. Vielleicht ist die Vergangenheit wie ein alter bequemer Sessel oder wie ein alter Bademantel. Du kannst sie los lassen. Höre her, die Vergangenheit mag es nicht, dass an ihr festgekrallt wird.
Was wird heute die Sonne bringen? Was an Schön-haftigkeit kannst du heute erschaffen?
Schau, du kannst vielleicht alte Briefe von einem vormals Geliebten aufbewahren, der nicht mehr ist. Geliebte, an der Vergangenheit festhalten ist nicht Liebe. Ihr schüttet Zucker auf die Vergangenheit, und sie gerät euch süßer denn das Leben, welches ihr derzeit führt. Ihr seid angehalten, euer Leben zu führen, jenem nicht anhand des Vergangenen dermaßen reichlich Rückhalt zu verleihen.
Putzt die Schiefertafel der Vergangenheit. Segnet sie, und rückt weiter. Ihr werdet auf neue grüne Weiden stoßen. Fühlt euch nicht der Vergangenheit verpflichtet. Springt spornstreichs zum Gegenwärtigen. Ihr seid, wo ihr seid, und nicht, wo ihr wart. Und ihr seid nicht, wer ihr einst wart oder wie ihr eures Erachtens weiland wart. Dies vor euch, das ist ein goldener Tag. Heißt ihn willkommen. Stellt eure beiden Beine in ein Boot, und das Boot trägt den Namen Heute.