GELANGE ZUR GRÖSSE INWENDIG IN DIR
Vergangenheit los lassen bedeutet Bedauern, Zerknirschung, Selbstbeschuldigung, Enttäuschung, Betrübnis, Verurteilung und Anhaftung an was auch immer von ihr los lassen.
Die Zukunft los lassen bedeutet Vorgaben, Beharren, Anhaftung, Erfordernisse, Haben-Müssen, bedeutet Kontrolle los lassen. Es bedeutet, deinen Hut gegenüber dem Leben lüften. Es bedeutet, es zu segnen. Es bedeutet Glücklichsein im Sinn haben und es nicht für nötig befinden, anzugeben, wie es eingetrichtert gehöre.
In der Gegenwart leben ist nicht an ihr festhalten. In der Gegenwart leben ist sie bezeugen und miterleben. In der Gegenwart leben ist ein vollendeter Zustand des Nicht-Angehaftetseins.
Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, es gibt kein daran Festhalten. Da ist Freiheit. Befreie dich von Anhaftung. Angehaftetsein ist wie sich in einem Leimtopf verfangen. Angehaftetsein ist sich selber immer tiefer eingraben.
Anhaftung ist Sich-Klammern.
Falls das Leben einen Berg hochsteigen ist, so erklimme den Berg, ohne dich selbst an ihn festzunageln. Wie kannst du klettern, alldieweil du am Boden festgenagelt bist?
An all dem Festhalten, was du ausrichtest, ist weder Hand noch Fuß. Du hast an Menschen festgehalten, selbst an jenen, die vor langer Zeit von der Erde verschieden sind. Du hast los zu lassen, und dennoch scheinst du nicht los lassen zu können. Du befandst dich in einer Festhalte-Raserei.
Geliebte, ihr wart bestrebt, zu einem Geizkragen des Lebens zu werden. Ein Geizkragen hortet und hat die Vorstellung, er benötige sein Gehortetes. Er glaubt, es stelle sein Glück dar. Wie es sich aber in der Geschichte fortentwickelt, ist das eben sein Niedergang.
Ihr könnt nicht an der Vergangenheit festhalten, und vorrücken. Nun gut, das Leben wird euch auf jeden Fall nach vorne schieben. An der Vergangenheit festhalten ist eine Illusion obenauf auf einer Illusion. Du kannst an allem festhalten, was du möchtest, und doch kannst du nicht an einem Bisschen festhalten. Du hältst an nichts fest. Festhalten hält dich nicht in sicherem Verwahr. Los lassen hält dich sicher.
Nebenbei gesagt, Gesichertheit ist nicht der Lebenszweck. Leben ist euer Zweck. Ich meine, wirklich leben, nicht einfach: durchkommen und es hindurch schaffen. Höre auf, den Atem anzuhalten.
Du bist keine Chinapuppe, die auf ein Regal gestellt werden kann. Dir eignet kein Ende. Dir eignet kein unbeachtet Beiseitelegen.
Leben geht um Leben, nicht um Drumherumgehen.
Du kämpfst gegen Windmühlen an. Du läufst, um dich im Wald zu verstecken, und der Wald zehrt dich auf.
Lebe das Leben eher, denn du es fürchtest. Lebe das Leben, verstecke dich nicht vor ihm. Lebe das Leben als ein Ebenbürtiger. Finde die Größe inwendig in dir.
Es braucht Mut, um als ein Menschenseinswesen auf Erden zu leben. Es braucht Mut, da du davor Angst hast. Überwinde deine Ängste. Schließe Frieden mit ihnen und lasse sie gehen. Ängste werden sich zu ihren Gunsten entwickeln, und du zu deinen Gunsten.
Ich rede hier nicht von Leichtsinn und Draufgängertum. Dies ist der Lauf des Lebens.
Das Leben ist kein Fehdehandschuh. Es ist eine pulsierende Reise. Es ist die Chance einer Lebzeit. Du hast sie zu nehmen. Du kannst ihm nicht aus dem Weg gehen. Aus dem Weg gehen ist nicht Meisterschaft. Dies ist schlicht und einfach mit dem Stricken des Pullovers fortfahren, bei dem du bereits angefangen hast.
Du warst nie angelegt, im Leben ein Zauderer zu sein. Du warst nicht angelegt, vor dem Reiten des Pferdes des Lebens zu scheuen. Du warst angelegt, auf das Pferd aufzuspringen und ununterbrochen zu reiten, weiter und weiter zu reiten. Durchstreife die Spannweite des Lebens. Lebe das Leben. Mache dein Leben zum gelegenen. Ja, mache dein Leben gar noch heilig. Packe das Leben bei den Hörnern und reite mit ihm.
Du kannst von der Erde abgeworfen werden, indes niemals vom Pferd des Lebens. Du bist der Ewigkeit verschrieben. Trage dies in deinem Sinn, und falls dein Geist am Rasen ist, wird er sich beruhigen.
Leben, Friede und Liebe eignen dir im selben Augenblick der Ewigkeit.