HEUTE
Gar auch dann, wenn du des Morgens aufwachst, hast du eine Neigung, die Nacht mit dir herumzutragen. Falls du nicht gut geschlafen hast, sagst du: „Ich hatte eine schlechte Nacht.“
Hier bist du, jetzt für den Tag erwacht, und du trägst einen Nachtschatten bei dir.
Die Nacht ist vorbei. Lasse die Nacht los. Begrüße den Tag. Rufe dessen Staunenshaftigkeit zu dir.
Letzte Nacht war letzte Nacht. Bringe sie nicht dazu, herumzutrödeln. Kümmere dich um diese Minute des Heute.
Du neigst dazu, in Angedenken zu leben. Sofern dir die letzte Nacht nicht behagte, weswegen beherbergst du sie?
Und sofern du letzte Nacht wunderbar geschlafen hast, weswegen hängst du dich daran? Erinnerungen, ob kurze oder lange, ob kürzliche oder seit längerem vergangene, sind nichts als schier alte Gedanken. Du kannst nicht alles mit dir herumtragen.
Erinnerungen sind ein Besitz. Lasse sie nicht die Entdeckungen des Heute verdrängen.
Du bist ein Reisender, achte also auf die Reise, auf der du dich soeben befindest. Keine einzelne Reise ist die Summe deines Lebens. Keine Schlacht ist der Inbegriff. Leben ist das, was vor dir ist, noch unkanalisiert, noch undetailliert, noch unausgesprochen, noch ungehört, noch ungeschrieben, alles neu.
Das ist eine Gunst, weißt du das. Es ist keine Gunst, an Gedanken festzuhalten, die nirgendwohin gehen. Wohin sonst kann ein früheres Ereignis gehen als in deine Gedächtnisbank?
Was du durchliefst, mag oder mag nicht seine Spur hinterlassen haben, aber du kannst es nicht dazu veranlassen, dich als neu kennzuzeichnen. Dein Leben selbst ist die große Sache.
Es ist an dir eine Neigung zu ersehen, Linien auf deinem Leben zu markieren. Es ist besser, es zu leben. Dein Leben ist ein Strömen, und du kannst die Wellen nicht an dir halten und sie nicht dazu veranlassen, an einer Stelle zu bleiben. Eine eingefangene Welle ist nicht mehr länger eine Welle.
Das Leben ist eine Passage, und man kann es nicht in einen Käfig verbringen. Geh weiter, geh weiter.
Wenn du die Vergangenheit, die Gipfel und Täler, loslässt, hast du neue Energie. Die Vergangenheit ist abgestandene Energie. Besser, du entbindest dich von der Vergangenheit. Berg oder Talsohle, dich in der Vergangenheit verankern, das wird dich davor zurückhalten, höher zu steigen.
Dein Leben ist förderlich. Es ist für Mich von Tragweite.
Falls dein Leben Musik ist, kannst du nicht unentwegt die kürzliche Note spielen oder dich nach ihr sehnen. Du gehst zum nächsten Ton weiter.
Falls du ein Komponist bist, stellst du die Noten heute anders zusammen. Was an Gelegenheiten für unendliche Kombinationen befinden sich doch unter deinen Fingerspitzen.
Staue die Gezeiten des Lebens nicht mit Gedenken oder Vorhersagen auf. Altes Denken oder vorhergesagtes Denken – das ist vagabundierend. Hüpfe zur Zukunft dieses Augenblicks.
Deine Gedanken sind des Öfteren wie Kondolenzen, und Kondolenzen dauern nur so und so lange an.
Du brauchst dich nicht mit Gedanken aus der Vergangenheit oder mit Wünschen für späterhin zu trösten. Welchen Trost hältst du deines Erachtens für erforderlich?
Falls du die Vergangenheit in blauer Tinte geschrieben hast, kannst du jetzt grün oder orange wählen. Alle Regenbogenfarben existieren nach wie vor. Wähle aufs Neue. Jeden Tag, wähle aufs Neue.
Was also, falls die Vergangenheit verschollen geht? Das ist besser, als dass du in der Vergangenheit verschollen gehst. Wie auch immer, die Vergangenheit ist nicht fehlplatziert. Die Vergangenheit gehört in die Vergangenheit.
Du brauchst nicht derart gute Aufzeichnungen vorzuhalten. Aufzeichnungen deines Lebens sind nicht dein Leben. Pläne deines Lebens sind nicht dein Leben. Aufzeichnungen sind Aufzeichnungen, und Pläne sind Pläne, aber nicht das Leben.
Betrachte dein Leben als ein Brötchen, und beiße heute in es hinein. Alte Fotos sind nicht besser als diejenigen, die heute gemacht wurden. Dein Leben ist nach wie vor hier. Du durchmisst heute dein Leben. Stelle heute zärtliche Erinnerungen her. Und falls du sie heute nicht für dich herstellen kannst, dann stelle sie für einen Anderen her.
Du bist nicht für dich alleine hier. Und du bist nicht für gestern oder morgen hier. Du bist heute immer-präsent. Gib dir diesen Tag auf, und schreibe ihn an den Himmel.