DAS ENDE DES VERURTEILENS
Meine Kinder sehen das Verurteilen als ein Mittel, um zu einem guten Ende zu gelangen. Diejenigen, die dich beurteilen, meinen, dich zu bessern. Sie meinen, dich zu ihrer Art des Denkens hinüber zu bringen, über die sie sich sicher sind, dass sie die richtige sei.
Auch dann, falls sie gestern anders darüber dachten, möchten sie dich zu ihrer Denkart von heute bewegen.
Beurteilen ist ein Auferlegen. Sie ist ein Eindringen. Du wolltest nie auferlegen. Du wolltest nie eindringen. Und dennoch beurteilst du. Ob du es nun für dich behältst oder nicht, die Beurteilung verrichtet ihre Arbeit. Sie schädigt ein Herz. Auf einer gewissen Ebene drückt es das Herz des Beurteilten hinunter.
Wenn du beurteilst, ist es so, als würdest du auf der Seele des Anderen eine schwarze Markierung aufmalen. Beurteilen – das ist nichts Kleines. Es ist ein riesiges Unterfangen, das viele Verästelungen aufweist.
Es ist nicht einmal an euch, jene zu beurteilen, die beurteilen.
Es mag sein, du magst das Wort „beurteilen“ nicht, aber vielleicht kannst du das Wort „kritisieren“ hernehmen. Erhasche dich selbst, und du wirst dem Akt der Kritik entrinnen.
Lob sogar ist eine Beurteilung, und wer bist du, um hoch zu beurteilen oder niedrig zu beurteilen?
Alle Grenzen können als Akkurates vorgegeben werden. Etwas bleibt innerhalb einer Linie, oder es bleibt dort nicht. Ein Geschirr wird in das Spülbecken gestellt, oder nicht.
Beurteilen und Verurteilen setzen einen übersteigenden Gesichtspunkt zu. Falls etwas nicht innerhalb einer Linie bleibt, ist etwas Falsches getan worden. Falls das Geschirr nicht in das Spülbecken gestellt wurde, ist jemand nicht umsichtig. Ein Verurteilen ist etwas, was der Gleichung, die die Waagschale kippen lässt, hinzugefügt wird.
Das Gegenteil von Verurteilung ist nicht Toleranz. Falls du tolerant bist, hast du beurteilt und dich entschlossen, größer als deine Beurteilung zu sein; allerdings, beurteilt, das hast du. Du denkst nach wie vor, du schaust von oben her.
Beurteilungen sind zwielichtig. Beurteilungen kommen und gehen wie Stile. Beurteilungen sind nicht sicher, wie sie es gerne von sich denken.
Beurteilung ist ein Akt des Vergleichens. Etwas ist mehr als oder weniger als. Augen, die mit Liebe schauen, vergleichen nicht. Sie sehen was ist. Sie sehen, was sie sehen und ziehen keine Folgerungen daraus. Es ist weder gut noch schlecht.
Im Beurteilen freilich liegt ein Graduieren.
Solange wie du Grade misst, wirst du nicht glücklich sein.
Es ist ganz leicht, etwas Fehlerhaftes zu finden. Du wirst es immer finden. Besser, sich nicht nach ihm umsehen. Schau stattdessen nach etwas Anderem. Schau nach der Energie des Menschen, dessen Handlung oder Wort dich zur Beurteilung provoziert. Schau zu seinem schlagenden Herzen. Schau, was sie überwunden haben. Schau auf ihr Bemühen, ihre Schreibkunst innerhalb der Linien zu halten. Schau, wie sie einen Schreibstift haben. Schau, wie sie etwas zu sagen haben. Schau in ihre Augen, und im Lichte ihrer Augen wird sich deine Fantasie der Beurteilung ausblenden. Gewahrsein vertreibt Beurteilung.
Alle ringen gleich. Und Ringen ist nichts anderes als Beurteilung. Die Beurteilung sagt, etwas sei nicht so, wie es sein sollte, obschon alles genau so ist, wie es ist. Im nächsten Augenblick kann es sich vielleicht ändern. Beurteilung hat mit zuvor und danach zu tun. Beurteilung ist in Zeit und Raum festgesetzt. Beurteilung ist ein Moorland. Du kannst dort festhängen.
Jedes Mal, wenn du, du, Mein Kind, eine Beurteilung ausreichst, hast du eine Nadel in das Bildnis des Anderen hineingesteckt. Du zerstörst dessen Aura. Du zerbrichst dessen Energie.
Das ist nichts Kleines, eine Beurteilung ausführen.
Es ist schön, die Richtung auf dasjenige zu nehmen, was dich anzieht, und weg von demjenigen, was dich nicht anzieht. Du kannst die Wahl treffen, Schokolade zu essen oder nicht, aber es ist nicht deine Wahl, Schokolade oder diejenigen, die sie essen, zu belächeln. Du kannst wählen, an dieser Ecke abzubiegen, oder an einer anderen, die Route aber, die ein anderer wählt, ist seine Route, die er wählt. Im Verurteilen versuchst du, für einen Anderen die Routen zu wählen, und das vermagst du nicht.
Verurteilen entkommt der Vergangenheit, und dort musst du es belassen. Ein für allemal, verzichte auf Beurteilen. Beurteilung ist dir nicht förderlich. Versehen werden begangen, freilich hast du sie nicht fortzusetzen, weder in Gedanken noch in Taten. Endlich hast du zum Ende der Beurteilung zu gelangen.