LEBEN IN EINER ART ZWISCHENLAND
Gott redete …
Geliebte, Geliebter, abermals höre Ich dich aus den Tiefen deines Herzens heraus sprechen. Ich höre dich sagen:
„Geliebter Gott, wohin möchtest Du mich heute gerne nehmen? Aus welcher Entmutigung wirst Du mich herausheben und bis zu welchen Höhen?
Es scheint, ich habe mein ganzes Leben hindurch geschlafen. Ich wusste das nicht. Ich war kaum wach. Ich wusste nicht, wo ich war. Es ist gleichsam so, als sei ich in einer Art Zwischenland gewesen, wiewohl erlitt ich überdies Peinigendes und tat mein Bestes, dies zu ignorieren.
Ich durchlief auch das, was meiner Auffassung nach Freude war, indessen, heute scheint es mir so, es war nicht so sehr Freude, vielleicht ein wenig die Seile lockern. Die Freude war ausgedacht. Mein ganzes Leben war so zurechtgemacht, dass ich nicht wirklich lebendig war. Ich war passiv und ungerührt. Ich war irgendwo weg, und überdies überhaupt nicht irgendwo. Ich muss das ganze Leben durchgeschlafen haben. Gelegentlich öffnete ich die Augen und schloss sie dann wieder. Mein Gedanke war, der Genuss sei nicht wirklich. Es war lauter Lärm, oder, vielleicht eine Unterbrechung beim Lärm. Ich war in einer Zelle meiner eigenen Wahl eingeschlossen, oder in einer Zelle, mit der ich mich begnügte. Ich möchte das Leben kennen lernen, wie es vorgesehen war, es auszuleben, und wie es angelegt war, geliebt zu werden. Hilf mir, O Gott.“
Geliebte, wie oft ihr diesen Ansatz und diesen Tadel am Leben repetiertet. Euer Gefühl war, das Leben sei an euch vorbei gelaufen.
Wären alle eure Träume Wirklichkeit geworden, würdet ihr den gleichen Refrain singen, denn ihr wärt dahinter gekommen, dass ihr ein Beobachter gewesen seid. Du warst ein Wachvogel, der einen Wachvogel beobachtete, wie er wachte. Du warst ein Beobachter mit, vielleicht, einem offenen Auge.
Das Leben ist nicht an dir vorbei gelaufen. Du, Geliebte, Geliebter, warst am Dösen, weder ganz wach noch ganz am Schlafen, jedoch vergesslich, sollen Wir das so sagen, unachtsam sollten Wir sagen, unwach, ja, dennoch nicht gänzlich ungewahr. Du warst dir gewisslich dessen gewahr, was nicht deines Herzens Trachten war, und mithin übersahst du dich selber. Es ist zutreffend – du wusstest nicht, wer du warst. Wir können sagen, du standst unter Betäubung.
Wie viele Tage saßt du in der Schule, in einer Reihe, und begriffst nicht, was du soeben tatst, nicht hierher gehörend, nicht wissend, was denn Schule ist, dennoch saßt du dort. Du wartetest unablässig darauf, lebendig zu sein. In zahlreichen Fällen zogst du es vor, das was du als eine nackte Existenz sahst, durchzuschlafen. Du saßt da, ein Automat deiner selbst, ein Aufziehspielzeug, das tat, worum man es gebeten hatte. Du erkauftest dir Gedanken anderer Leute und reichtest sie als deine eigenen weiter. In einer Art Gedankenlosigkeits-Rennen, nahmst du kaum das Risiko auf dich, dass dich Gefühle überkommen.
Du hast recht. Du wusstest nicht, was du soeben tatst, oder was du dort an dem vermeintlichen Ort, an dem du dich befindest, tust. Du sahst genau genommen ein verlassenes Eiland. Du sahst dein Leben als das Hin- und Herdrehen eines Kaleidoskops, in das du hineinspähtest. Du warst dem Sinn abhanden gekommen. Du kamst über die Runden. Du ließt dich als am Leben seiend durchgehen. Du wusstest nicht, wie über dich reden. Du zaudertest, erblickt zu werden. Du wolltest ungerne gesehen werden. Du wolltest nicht sehen.
Du klaubtest hier und da Momente heraus, um sie an dem Anschlagbrett deines Geistes anzuheften.
Du lebtest mehr in der Einbildung und in den Seiten von Büchern, als in dem vor dir zu liegen kommenden Leben. Du schautest dich draußen nach der begründenden Rechtfertigung deines Erscheinungsbildes auf Erden um und spürtest sie nicht aus. Du warst dir selber eine Chiffre.
Derzeit rüttelst du dich aus deinem Schlaf auf. Du möchtest gerne aufwachen. Du möchtest vom Zaudern befreit sein. Du möchtest wie Pinocchio sein. Jetzt möchtest du ein wirklicher Junge sein, eine fein angezogene Puppe, die lebendig werden möchte. Du möchtest real sein.
Einstmals, da sahst du an deinem Leben vorbei. Jetzt möchtest du dich an das Leben richten und die eine oder andere Anschauung entfalten, was das Leben ist und was Am Leben Sein sein kann.
Bist du gewillt, die scheinbare Vergangenheit los zu lassen und in just dieser Minute hier hereinzutreten? Ja, du bist jetzt reif, in diesen Moment des Lebens hineinzugehen und dich in dich selber zu versenken und dir klar zu werden, wie es denn ist, in deinem Leben ein Mitwirkender zu sein, achtzugeben, nicht so sehr auf dein Leben en passant, vielmehr dich anzuschauen, auf dich selber achtzugeben. Du kommst aus dem Versteck heraus, und sprichst:
„Ich bin hier. Ich bin nicht im Randbezirk des Lebens. Ich bin Leben, und Gott ist hier bei mir.“