EIN TEPPICHWEBER
Dieses Leben, in dem du dich befindest, ist allseits frei beschaffen. Das Leben ist nicht in einer Reihe aufgestellt wie Kerzen auf einer Decke oder wie Marschierer in einer Parade. Im Leben geht es um eine andere Art der Fortschreitung. Mit Sicherheit sieht es nach einer freien Form aus. Das Leben erscheint dir bestimmt nicht wie ein pointillistisches Gemälde. Der Teppich deines Lebens scheint dir wohl ein zufälliges Muster zu sein, ohne ein Muster gewebt, ohne Voraussicht, ohne etwas im Sinn gewebt. Dein Leben wird sich dir sicher so gezeigt haben, als sei es gleichzeitig mit mehr als einem Stich gewebt worden. Dir wird es wohl so vorkommen, als sei es mit fallen gelassenen Maschen planlos drüber und drunter gewebt worden. Viele Maschen fielen herunter, so wie du an einer Ecke einen Anhalter aussteigen lässt, um ihn ja danach nie wieder zu sehen. Mit Sicherheit gibt es Maschen, bei denen du, falls sie weitergehen, nicht sehen kannst, wo.
Gewiss webst du deinen eigenen Teppich des Lebens. Natürlich hat es den Anschein, dass ihn Elfen, während du schläfst, gewebt haben müssen, und das selbst untertags, während du wach bist. Irgendwie wurde an dem Teppich weitergewebt, als du nicht hingeschaut hast. Und dieser Teppich hat kein Ende. Er ist nie fertig. Es gibt keinen Zeitpunkt, wann der Saum hinzukommt, und wann du den Faden abbeißen und sagen kannst: "Nun ist es fertig." Es gibt an dem Teppich, den du webst, schlicht kein Ende. Du webst einfach die Maschen hinein und heraus. Du kennst nicht einmal den nächsten Stich, den du machen wirst.
Ich möchte dir etwas sagen. Alle Teppiche sind gleich gewoben, und alle Teppiche sind neu. Jedes schlussendliche Muster ist einzigartig. Und dennoch ist Teppich-Herstellen Teppich-Herstellen, und du bist ein Weber des Lebens. Manchmal lehnst du dich sogar hinüber, und webst ein wenig an einem anderen Vorleger.
Du unterweist Andere, wie man webt. Du setzt dich mit Anfängern hin und hilfst ihnen, bei ihrem Vorleger den Anfang zu machen. Viele lernen schlicht, indem sie bei dir und bei der Wolle, die du webst, zusehen. Und gleichwohl gab es niemals eine Zeit, als jemand nicht webte. Ihr macht immer dort weiter, wo ihr stehen geblieben seid. Ihr könnt nicht irgendwo anders weitermachen.
Ihr mögt den Entschluss fassen, mit einem neuen Teppich anzufangen. Ihr mögt neues Garn auftreiben. Ihr mögt euch entscheiden, einen Rundteppich zu weben. Ihr mögt euch entscheiden, eine Sprosse mit anderen Farben zu weben, und dennoch verbinden unsichtbare Fäden euren neuen Teppich mit dem alten. Du bist kein Anfänger. Du bist ein etablierter Teppichweber. Du hast lange Zeit gewebt. Damit bist du befasst.
Und du webst mit der Hand. Du magst denken, du habest einen automatischen Webstuhl vor dir, und doch bist du ein Weber, der mit seinen eigenen zwei Händen webt.
Weben ist eigentlich ganz einfach. Es ist wie durch das Leben gehen, ein Schritt gleichzeitig. Geplant oder ungeplant, du bist ein Weber des Lebens. Es ist keine kleine Sache, dass du ein Weber bist. Einerlei, wie viele Weber es gibt, es gibt keinen anderen Weber wie dich, und gleichwohl webt ein jeder Weber, und manche scheinen mehr geeignet, und andere weniger, und nichtsdestotrotz webt ein Jeder, und das Vorgehen ist das gleiche. Jede Masche, die du webst, ist nie zuvor in der Art, wie du sie jetzt webst, gewebt worden. Jeder Stich ist für sich, und er ist neu, egal, wie viele Male du ihn deiner Meinung nach gewoben hast. Manche mögen auf den ersten Blick gleich aussehen, und dennoch sind keine zwei gleich. Jeder Weber hatte das gleiche Garn, und doch dreht und wendet sich das gleiche Garn, und die Sonne strahlt darauf, oder sie bringt es auf die eine oder andere Art zum Verschießen.
Freilich, nachdem das alles gesagt ist, es gibt nur einen einzigen Meisterteppich, an dem gewoben wird, und ein Jeder ist ein Meister im Weben dieses einen Teppichs, der allen zugehört, gleich, an welcher Ecke er seinem Dafürhalten nach jetzt in dem Augenblick an der Arbeit ist.