SCHNEE VON GESTERN
Ich weiß, dass dich Traurigkeit überwältigt, und dass es für dich schwer ist, sie zu überwinden. Ich weiß, dass manchmal Traurigkeit ein Morast ist, in den du fällst.
Weißt du, was Traurigkeit wirklich ist? Weißt du, woher sie kommt? Sie kommt von der Zeitweiligkeit des Lebens auf Erden. Traurigkeit hat mit der Zeit zu tun, mit der Zeit der Vergangenheit und der Zeit der Zukunft. Sofern Zeit nicht wirklich ist, und du hast ein vages Gespür, dass sie das nicht ist, ist die sie begleitende Traurigkeit ebenso nicht real. Augenmerk darauf, was nicht real ist, ist schlicht Augenmerk darauf, was nicht real ist. Indes saugt es dich auf.
Ich verstehe, dass dein Kopfschmerz dir durchaus genug real ist, allerdings durchwühlst du in Wirklichkeit alte Koffer auf dem Dachboden und ziehst dabei frühere Kleider und Erinnerungen hervor. Oder du blickst durch die blanken Seiten deines Kalenders, und fürchtest, was kommen werde. Du siehst Zeit, wie sie verheert. Sie nimmt etwas fort, was dir wertvoll ist, und hinterlässt in ihrem Gefolge Traurigkeit. Zur selben Zeit wie du ihr gerne ausweichen möchtest, kuschelst du mit ihr.
Du versuchst, Fältchen von deinem Hals wegzubekommen, und kämpfst dabei eine verlorene Partie. Ihr könntet Anhaftung wegbekommen, Geliebte, und dabei gewinnen, denn all eure Traurigkeit ist Anhaftung daran, was zu sein schien und nie wieder sein wird. Geliebte, ihr könntet genauso gut jedem schönen Sonnenuntergang, der hinter dem Horizont vonstatten geht, nachtrauern, denn eben genau der Sonnenuntergang wird nicht noch einmal zum Vorschein kommen. Es gibt einen Ausdruck – Schnee von gestern. Müsst ihr ihn betrauern? Müsst ihr das betrauern, was vorüber ist?
Muss euer Herz derart an die Vergangenheit geheftet sein, dass ihr sie nicht aus dem Sinn bekommt? Ihr habt damit Schwierigkeiten, euch von ihr loszumachen. Sie hat sich selbst von euch gelöst. Ihr wollt, dass sie bleibt, oder ihr wollt, dass Teile von ihr bleiben, und es gibt Teile, die ihr gerne rasch weggehen sehen wollt, und dennoch haltet ihr auch an ihnen fest. Geliebte, alles vom Früheren hat ins gleiche Fass zu gehören. Es hat euch bereits Auf Wiedersehen gesagt. Nun ist es für euch an der Zeit, auf es zurückzuwinken, oder ihm zur Verabschiedung eine Umarmung zu geben.
Ihr betrauert die Angedenken, und ihr betrauert den Mangel an Angedenken ebenfalls. Ihr betrauert, was ihr vergessen oder einen Augenblick lang vergessen habt. Ihr betrauert die Schnelle, mit der die Vergangenheit abgeht. Manchmal möchtet ihr, dass die Vergangenheit verweilt, auch dann, wenn ihr allzugut wisst, dass ihr ihr einen Abschiedskuss geben müsst. Trotzdem, ihr könnt gerade mal bloß mit euren Fingerspitzen an eine Illusion dessen heranreichen, was immerzu Illusion und nie etwas sonst war. Ihr erinnert euch der Oase, die eine Fata Morgana war, und nach wie vor haltet ihr ihre Wertschätzung nahe bei euch fest.
Bedeutet die Tatsache, dass der Schnee von gestern geschmolzen ist, dass ihr Tränen haben müsst? Sofern ihr Tränen haben müsst, habt sie. Schmelzt den Schnee in eurem Herzen. Schmelzt das Sehnen. Auch eure Tränen werden aufhören mit dem Schmelzen und vorüber sein, und ihr werdet auch ihnen nachtrauern. Ihr betrauert das scheinbare Ende von allem, so, als ob das Zurücklassen dessen, was zurückzubleiben hat, euch unbeholfen scheint.
Ihr versucht, alle Teile aufzusammeln, unterdessen in Wirklichkeit keine Teile da sind, um sie aufzulesen.
Ihr spürt, das Ende einer Ära sei traurig, gar dann, als es eine Ära war, die ihr blitzschnell durcheilt hattet. Ihr wollt sogar das behalten, was ihr nicht wollt. Die Jahre scheinen die Kanten des Lebens zu vergolden, und sogar das Nichtkostbare wird kostbar.
Jetzt eben dieser Augenblick vor euch ist kostbar. Der Halbkreis des Regenbogens ist augenblicklich hier. Ich halte ihn euch hin. Er ist euer. Der Regenbogen von gestern ist vorüber. Was, Geliebte, soll es sein? Möchtet ihr entgegennehmen, was Ich euch jetzt soeben hinreiche, und möchtet ihr wohl den Rest los lassen?